Aufstand (Kurzgeschichte)

Wellenrauschen. Der Horizont sieht düster aus. Er blickt ein letztes Mal dorthin, dorthin wo die Freiheit hätte sein können. Damals als die Wogen noch nicht so hoch standen, damals als die Welt gerade aus den Fugen geriet, als noch unklar war wer fallen würde.

Atmen. Langsam näherten sich Geräusche, noch fern. Er versuchte die Gegenwart wegzuschieben, um sich in der Vergangenheit zu finden.

Berauschend war der Tanz in der schwankenden Welt gewesen, trotz der Angst. Es war laut eingeläutet worden das Ende vom Ende der Geschichte. Waren die Wahlen in den USA der Anfang gewesen? Die Abstimmung in Großbritannien über den Austritt aus der EU? Oder die Unruhen während G20 in Hamburg? Auf einmal schien alles möglich zu sein: Revolution oder Steigerung der Katastrophe. Staat und Kapitalismus ein Ende setzen oder sich von ihnen beerdigen lassen.

Sie hatten gekämpft auf den Straßen, in den Köpfen, in den Herzen. Liebe und Solidarität waren jetzt nur noch ein Schatten der Erinnerung, die letzten Jahre waren einsam gewesen. So einsam umringt von dem Hass, kein befreiender Hass auf die Herrschaft und ihre Institutionen, sondern Hass auf Menschen.

Der Hass hatte gesiegt, beschützt von zu viel Glauben an „das Schlechte“ im Menschen, an Führer*innen und Regierungen.

Liebe und Nähe. Ein kleines Lächeln auf seinen Lippen. Die Geräusche kamen näher. Er verdrängt sie weiter.

An Erfolgen hatte es nicht gefehlt, trotzdem es waren zu wenige gewesen. Seine Faust ballte sich wie früher als er einfach auf die Mauern eingeschlagen hat. Die Mauer…

Es war ein schöne Mauer gewesen, umrangt von Efeu mit einem A im Kreis drauf. Das A im Kreis, wann hatte er das letzte Mal eines gesehen? Seit dem sie es ausradierten.

Anarchie ist Ordnung im Chaos und dem Terror der Herrschaft, war selbst das verloren gegangen.

Wellenrauschen.

Verloren war auch das grüne Gras, niedergequetscht unter den Pipelines, erstickt im Smog der Städte und niedergemäht von den Panzern. Diese Gefühl am Fuß, diese Zärtlichkeit.

Leere. Starre.

Die Geräusche waren nicht mehr weit weg.

Er wehrte sich und besann sich zurück. Sojaschnitzel mit Hefeflockensoße, Lachen, Alex und er am Tisch, seine Liebe zu ihm. Wärme und Nähe bis sie ihn erschossen hatten.

Dann war er zu einem kurzen Artikel in der Zeitung geworden. Faschist*innen, die mordeten, waren nicht viele Wort wert, anarchistische Leben noch weniger. Irgendwann hatten sie ganz aufgehört über die Extremist*innen zu schreiben.

Wenn ein Terrorist verhaftet wurde oder verschwand, dann war das gut. Seinerzeit hat die Hoffnung aufgehört, war die kalte Starre gekommen.

Vielleicht…

Vielleicht…

Wenn nur ein paar mit dem System gebrochen haben, ein paar kleine Risse in der Mauer der Unreißbarkeit…

Jetzt waren die Motorgeräusche nur noch knappe 50 Meter von ihm entfernt. Das heißt sie müssen hinter der Düne sein.

Es war zu Ende. Eine Träne lief sein Gesicht herunter.

Er hatte dem Leben ein Moment Schönheit abgerungen, er wünscht sich einen weiteren.

Etwas keimt in ihm auf: Ein Bild, ein Bild vom dem Aufkleber. Der erste anarchistische Aufkleber, den er bewusst wahrgenommen hatte. Alex hatte ihn ihm gezeigt, er hatte sich ein Packung bestellt. Schwarz-Roter Hintergrund auf dem stand: „Abolish Capitalism – für ein Leben, Lieben und Lernen in Freiheit.“ Neben der Schrift eine Sonnenblume mit einem A zwischen den Blütenblättern.

Jetzt waren Stiefelschritte zu hören. Eine weitere Träne.

Alex hätte nicht gewollt, dass er aufgab. Aber was Alex wollen würde war nicht wichtig. Es ging nicht um Alex. Niemensch sollte über sein Leben bestimmen, er würde keiner Autorität gehorchen. Das hat er versucht nie zu tun und jetzt würde er es auch nicht tun. Die Wut, der Zorn und das brennende Verlangen nach Freiheit kehrt zurück. Ein letzter Aufbruch, ein letzter Moment der Selbstbestimmung…

Er begann sich zu bewegen, sah das Wasser vor ihm und sprang hinein und schwamm los. Ich werde schwimmen dachte er und wenn es nur für diesen Augenblick des Aufstands ist. Seine Verfolger*innen gaben Schüsse ab. Kugeln trafen das Wasser. Er schwamm.

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