Mein Begehren mein Gefängnis – Über körperliche Einsamkeit

Der nachfolgende Text ist ausnahmsweise mal kein Gedicht. Er ist sehr persönlich und falls es euch nicht so gut geht solltet ihr ihn vielleicht nicht lesen. Vielleicht werde ich demnächst mal mehr aus analytischer Sicht zu den Themen Sexualität, Beziehungen, Geschlechterrollen schreiben.
Hier aber einfach mal etwas unvollständiges darüber wie es mir (oft) geht, das ich vor einiger Zeit geschrieben.

Es kommt mir vor als, ob ich diese Text tausend Mal angefangen hätte. Also ob ich Millionen Formulierungen gesucht hätte, um zu beschreiben wie es mir geht. Jetzt will ich mich einfach halten. Mein Problem: Ich bin körperlich einsam. Was heißt das genau? Ich habe noch nie jemenschen geküsst, noch mit jemenschen geschlafen. Einmal habe ich jemensch umarmt und gestreichelt.
Mir fehlt das nicht, weil es eine Norm ist in einem bestimmten Alter mit jemenschen geschlafen oder eine*n Freund*Freund zu haben. Ich habe ein starkes Begehren in mir, muss oft an Sex denken und finde viele Menschen, die ich kenne, anziehend.
Mir fehlt es auch nicht an Nähe. Ich habe wunderbare „nicht-körperlicher“ Beziehungen voller Vertrauen und Nähe.
Mein Begehren ist schon lange in mir, inzwischen bin ich 23 und immer noch einsam.
In den letzten drei Jahren ist der Schmerz darüber schlimmer geworden.
Ich habe mich schon oft verliebt oder fand Menschen anziehend, aber nie wurde etwas daraus. Früher lag es oft an der Art meiner Kommunikation mit Menschen. Heute bin ich anders, kann besser mit Menschen umgehen, aber es entwickelt sich trotzdem nie etwas zwischen mir und anderen Menschen. Gerade in letzter Zeit habe ich öfter Menschen kennengelernt, die mich mochten, aber selber Probleme mit dem Thema „Beziehungen“ haben, häufig auf Grund früher Erfahrungen.
Ich habe noch nie eine*n Menschen kennengelernt, für den*die das Thema begehren so einfach ist wie für mich und für den*die es so eine große Rolle spielt. Mir fehlt allein schon das Reden mit Menschen, die mir ähneln sehr. Ich habe keine Angst vor Verletzungen in Beziehungen, ich habe Angst einsam zu bleiben bis ich sterbe oder die Energie meine Jugend verliere (letzteres ist vielleicht ageistisch, kein Ahnung).

Jeden Tag habe ich ein unvorstellbare Schmerz in mir. Nachts liege ich oft Stunden lang wach und kann das leere, kalte Gefühl auf meiner Haut und in mir nicht ertragen. Wälze mich hin und her, weil es keinen Ort mehr gibt an dem ich mich wohlfühle. In den letzten drei Jahren habe ich unzählige Nächte geweint, lag teilweise bis morgens wach und war am Tag so müde, das ich meinen Alltag kaum bewältigen konnte. Manchmal konnte ich gar nicht schlafen. Jetzt ist mein Schlaf etwas besser, aber viele Tage sind aufgrund der Müdigkeit ein Kampf und der Schlaf ist kein Ort der Erholung und Freude mehr wie früher, sondern nur noch ein etwas, das sein muss.
Auch viele Dinge, die mir Tagsüber wichtig waren, fehlen mir. Ich kann keinen Sport mehr machen oder tanzen, weil das Dinge sind die für mich unabänderlich verbunden sind mit Leidenschaft und ich meinen Körper dabei zu intensiv spüre, was mich meine Einsamkeit unerträglich stark spüren lässt. Auch Schreiben fällt mir schwer, weil mir Leidenschaft und die Vorstellungskraft für ein ein andere, bessere Welt fehlen.
Am schlimmsten aber ist, dass ich kaum noch im Moment sein kann, in der Lage bin mich darauf einzulassen was gerade ist, weil der Schmerz und das aufgestaute Begehren alles überdeckt. Es macht mich traurig, dass ich es meist nicht mehr richtig genießen kann Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich gern habe.

Für mich war es ein langer und harter Weg den Zugang zu meinen Gefühlen und zu mir zu finden. Ich habe lange meine Gefühle verdrängt und habe versucht Anerkennung durch schulische „Leistungen“ zu bekommen. Und ich litte unter starken Ängste.
Irgendwann habe ich das hinter mir gelassen ( ganz selten habe ich noch ein bisschen Probleme mit meinen Ängsten). Inzwischen habe ich einen sehr freien Umgang mit meinen Gefühlen, kann offen über sie reden und akzeptiere mich so wie ich bin, wenn ich auch wie alle anderen noch an unterdrückerischen Verhalten arbeiten muss. Ich habe auch die Fähigkeit schnell und genau zu wissen was ich will und fühle und ich kann komplett offen darüber reden. Menschen aus meinem Umfeld, sagen mir öfter: Meine Offenheit habe sie verändert und selber offener gemacht. Ich habe auch gelernt mein Begehen zu akzeptierten. Ich empfinde fast nie Eifersucht, sondern freue mich über die Freude anderer oder finde es anziehend wenn zwei oder mehr Menschen miteinander etwas haben ( Ich fand schon ab und zu auch Paare anziehend und Sex mit mehreren Menschen zu haben ist eine meiner stärkste sexuellen Fantasien). Warum schreibe ich das, weil es der letzte Punkt ist der mich belastet. Ich glaube ich habe die Fähigkeit zu einer wunderbaren, lustvollen , konsensualen Sexualität, die anderen viel Spaß und Freude bereitet (und mir auch). Das ich das nicht erfahren kann bereitet mir viel Trauer und Schmerz

Was bezwecke ich mit dem gesamten Text? In Gesprächen und Erfahrungen in der anarchistischen Bewegung und der restlichen Gesellschaft, habe ich gemerkt, dass ich nicht der einzige Mensch bin der an körperlicher Einsamkeit leidet. Und es gibt noch tausende andere Sachen rund um Begehren, Sex und Beziehungen die Scheiße laufen. Es wird wenig über diese Dinge gesprochen und es werden noch wenige Alternativen praktiziert. Deshalb wollte ich anfangen darüber zu reden. Und vielleicht trägt diese Text auch dazu bei, dass Menschen anfangen etwas zu verändern.
Hey Ihr, die das lest, ich freue mich über Anregungen, eigene Erfahrungen, vielleicht sogar Lösungsvorschläge zum Thema habt schreibt twark-main(at)riseup.net. Und wenn Euch jemenschen interessiert, sagt es ihr*ihm, den ihr*ihm könnte es gehen wie mir.

Für die Freiheit, für das Leben und das Lieben!

PS: Hier möchte all den lieben Menschen danken, die in den Momenten des Schmerzes für mich dar sind und mich irgendwie mein Leben durchstehen lassen. Danke.

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