Ankündigung: Wenn zwei Welt kollidieren – Kurzgeschichtenreihe

Als die Mauern zwischen zwei Welten, schwächer werden, spannen sich Pfade zueiander. Dort reisen Geschichten von einer Realität freien Zusammenlebens und die abgrundtiefe Utopie der Herrschaft. Für ein Aufhören des Alptraums und ein Aufwachen am wirklichen Morgen.

Wie ihr vielleicht in letzter Zeit schon mitbekommen habt, schreibe ich seit einiger Zeit vermehrt Kurzgeschichten. Ich habe mich nun entschieden mit einer neuen Kurzgeschichtenreihe zu beginnen. In den nächsten Monaten werde ich hier Geschichten aus zwei Universen veröffentlichen zwischen den auf einmal die Grenzen verschwimmen. Die eine ist ein Versuch den alptraumhaften Utopien, in denen wir uns bewegen, eine lebendige Wirklichkeit gegenüber zustellen.

Es geht also darum Anarchie zu beschreiben. Die andere Welt wird seltsamer und weniger wahrscheinlich sein, eine Traum sozusagen. Ich hoffe ihr freut euch. Ansonsten habt Mut zu euch und schreibt selbst über Anarchie, bis unzählige Phantasien eine neue Welt schaffen.

PS: Einer der Gründe weshalb ich mehr und mehr Versuche über etwas Anderes zu schreiben als Unterdrückung, Herrschaft und alles was ich und vielleicht wir nicht will/wollen, sind die Worte eines Menschen aus dem wunderbaren Buch Von der Demokratie zur Freiheit:

Today I know very few people who can imagine what anarchy might look like . The uncertainty is not the problem. […] The problem, rather, is that this lack of imagination constitutes a disconnection from the world. A vital part of ourselves is no longer there, as it used to be, on the cusp of the horizon, on the threshold between dark and light, discerning, modulating, and greeting each new character that comes into our lives. The world of domination no longer has to contend with our Worlds Turned Upside Down; the various forms of heaven and reward promised by the authorities no longer have to bear the ridicule of our Big Rock Candy Mountains; the great shadows cast by the structures of control no longer contain a thousand possibilities of all the things we could build upon their ruins—now they are only shadows, empty and obscure.Our prospects, however, are not irremediably bleak. Imagination can always be renewed and reinvigorated, though we must emphasize the radical importance of this work if people are once more to create, share, and discuss new possible worlds or profound transformations of this one. I would argue that this task is even more important than counter-information. Someone who desires revolution can always educate herself, but someone who cannot even conceive a transformation will be impervious to the best-documented arguments.

(From Democracy To Freedom Page 110f.)

Nationale Befreier*innen (Gedicht)

Gewidmet: Allen durch die Nationalsozialist*innen und Deutschland ermordeten. Gewidmet auch: Allen durch die USA, UdSSR, Großbritannien und Frankreich ermordeten und versklavten.

 

8.Mai

Wenn Linke wieder Nationalfahnen schwenken

Und ich Twitter nicht lesen kann ohne, dass mir schlecht wird

„USA, USA, USA!“

„Arbeiter nehmt die Gewehre…“

 

Hier stehe ich mit einigen wenigen in der Leichenhallen der Geschichte

Sehen auf die Gedenkstein von Erich Mühsam und Anne Frank

Anne Frank, die kein Land retten wollte

Dann ein Kontinent in Blut getaucht

Millionen vertrieben und vernichtet alles für die Weiße Vorherrschaft in Amerika

Ein anderer Kontinent

Millionen entführt und versklavt  – Alles für die Britische, Französische, US-Wirtschaft

Doch nicht-weiße Opfer zählen in der Szene nicht

Das Gefühl allen ins Gesicht schlagen zu wollen, die das verschweigen

Wo waren eure Erlöser*innen 1936 in Spanien?

Auf Seiten der Faschist*innen…

Und die haben gesiegt, denn

Denn es gibt kein anarchistisches Bewusstsein mehr

Kälte und Einsamkeit

 

Die nächste Leichenhalle

Gulags, die Revolution in der Ukraine, Kronstadt

Hitler und Stalin: Hand in Hand

Aber ihr sprecht von Befreiung

1945 – Befreiung in Polen, Ungarn, Tschechien, der Slowakei, dem Baltikum, Bulgarien,…

Für zahlreiche Deutsche, ob links oder rechts, sind „die im Osten“ immer noch Untermenschen

Wenn die Ideologie stimmt dürfen sie ermordet werden

Ein letzter Grabstein, die Aufschrift: Hier liegt die Verantwortung.

Faschismus und den Staat selbst bekämpfen?

Lieber Anbetung von Massenmörder*innen…

Ich setze mich hin und weine.

Der Autoritäre Charakter der deutschen Linken schmerzt.

Mein Herz zerreißt, dass auch vermeidliche Anarchist*innen Staaten feiern

 

Doch irgendwann stehe ich auf:

In unseren Herzen wächst eine neue Welt und ob es ein Jahrzehnt oder ein Jahrhundert dauert:

Die Nation wird sterben.

Und aus Einigen können Viele werden.

Und aus dem 8. Mai der 21. Juli.

Marx ist tot

Ich blicke in die Gesichter einer verlassenen Gegenwart

Alle Erinnerung ausgelöscht

Eine Welt, die vergessen hat

 

200-Jahre Widerstand vereinnahmt von einem Kult

China schenkt ihm seine Statuen

Sein Heiliger war kein Monster

Sein Heiliger war kein Heiliger

Doch wenn aus Menschen Götter gemacht werden

Folgen Leichenberge

 

Befreiung braucht unzählige Menschen

Ethel, Emma, Peter

Lucy, Errico, August

Wer erinnert sich noch?

Monokulturen verachten, aber selbst eine sein

Lieber betet die Linke einen Erlöser an, als viele Stimme zu hören

Die Ungläubigen durch den Staat ausschalten zu lassen ist sehr erfolgreiches Marketing

 

Jahrhunderte sind genug damit aus einem Gott wieder eine Mensch werden kann

Millionen Tote und zerstörte Revolutionen reichen, um den Kult für immer zu verabscheuen

Das Schwarz und das Rot ohne Hammer und Sichel oder P, S und D

Es sprießt wieder zwischen den Platten der betonierten Staatgläubigkeit

Der Zombie taumelt noch, aber bald haben wir genug Kraft ihn zu köpfen

Der Marxismus muss sterben

Damit Karl nur noch eine Stimme ist und die Freiheit leben kann.

Glücklich verliebt sein

Ich sitze hier müde und erschöpft – glücklich

Glaube manchmal alles sei nur ein Traum – zweifelnd

Dich zu treffen erschien mir so unmöglich – realitätsfern

Doch du reißt mich aus der Utopie – fühlend

Machst mich so sehr nach dir verlangen – begehrend

Revolution ich will dich, denke ich so oft – leidenschaftlich

Sehe den Sommer eine anderen Welt vor mir – lebendig

Afrin (Gedicht)

Unsere Welt befindet sich in der Schwebe:

Ein Stiefel, der für immer auf ein menschliches Gesicht niedertritt?

Oder das Scheitern der Regierungen?

Fällt, wenn Afrin fällt, diese Hoffnung?

Ich sehe Barcelona vor meinen Augen, kurz bevor die Republik einmarschierte

Übertrieben?

Ich weiß es nicht…

Kalte Herzen überall:

Karriere, Haus, Erfolg

Zombies, die durch die kommende Apokalypse rennen

Der kurdische Widerstand wie ein kleine Pflanze in der Wüste

 

Was immer geschieht: Lasst die mutigen Menschen nicht allein!

Unsere Beziehungen, unsere gegenseitige Inspiration

Neue Keimlinge

 

Wenn in der größten Sozialdemokratie der Welt Unkontrollierbarkeit entstehen kann

Oder nur ein Hauch davon

Dann

Dann gibt es vielleicht Hoffnung

Der Frühling wird es zeigen

Halte stand freies Afrin!

Wunderbare Welt (Gedicht)

Misan…

Ach, ich lasse mich nicht ablenken

Ein Sommerabend

Von warmer Röte in die Nacht

Tausende faszinierende Menschen

Millionen Ideen

Bewegung in alle Richtungen

Und der Duft von Lavendel

Und Grillkohle

 

Dort, wo Reisende Armut nicht mehr finden können

Wo es kein Zentrum mehr gibt

Ich liebe

Ich lache

Ich nehme dich in den Arm:

Dort draußen ist die Welt, die wir geschaffen haben.

Schuld (Geschichte)

Graue Gestalten stehen vor dem Gerichtssaal, müde Figuren sitzen auf den Stühlen. Es erhebt sich der Angeklagte. Seine Worte sind zunächst zitternd: „Ich bekenne mich schuldig.“ Der Richter lächelt ihn an, gewiss scheint ihm der Sieg über das subversive Element.

Dann gewinnen die Worte des Angeklagten an Kraft: „Ich bekenne mich schuldig nur diesen einen Stein geworfen zu haben und das erst jetzt, nur heute meine Stimme zu erheben und nicht schon gestern. Ich bin schuldig jeden Tag in den Supermarkt gegangen zu sein und gezahlt zu haben. Ich bin schuldig den Glauben an ein System erhalten zu haben, dass jeden Tag Milliarden von Menschen ausplündert. Ich bin schuldig…“

Ein weitere Stimme wird laut, eine Person ist von den Besucher*innenplätzen aufgestanden:„Ich bekenne mich schuldig diesen Menschen, der heute vor Gericht steht, nicht mit aller Kraft meines Herzen gegen die Gewalt des Staates verteidigt zu haben. Ich bekenne mich schuldig, mein Leben lang den Irrtum gestärkt zu haben es müsse Gerichte geben und Gefängnisse…“ „Und Polizist*innen“ eine Weitere ist aufgestanden. Immer mehr Menschen erheben sich: „Und Politiker*innen“ „Und Grenzen“. Von außerhalb des Saales sind ebenfalls Stimmen vernehmbar: „Ich habe das Verbrechen begangen ohne Bolzenschneider eine Grenze überquert zu haben.“ „Und ich nie in Frage gestellt zu haben, was mir meine Eltern und meine Lehrer*innen erzählt haben.“ Im ganzen Gebäude entsteht eine berauschende Lautstärke. „Und meine Dozent*innen“ „Und mein Boss“ „Ich habe meine Steuern gezahlt“. Die Menschen, die vor dem Gebäude standen, dringen nun herein, drücken die Wächter*innen an den Schleusen zu Seite. Es donnert: „Wir bekennen uns schuldig!“

Ein Donnern im Sturm. Die Menschen sammeln sich vor den Gerichten, den Polizeistationen, den Arbeitsämtern, den Bossen. „Wir bekennen uns schuldig, wir sind schuldig gehorcht zu haben.“

Die Parole, die der Grabspruch einer jeden Regierung ist, sie ertönt von den blutgetränkten Hallen der Universitäten, Schlachterreibetrieben der Büros, den Leichhallen der Verwaltungstellen bis hin zu den Folterkammern der Schulen, verdichtet sich zu einer Alles sprengenden Unendlichkeit. „Unsere Schuld ist größer als jedes Wort.“, formulierte sich in den Köpfen, das Unaussprechliche wird wieder unaussprechlich. Die Schuldscheine fallen ins Bodenlose, an den Börsen der Moral fliehen die Gläubigen in Panik. Der letzte Idealist wälzt sich schreiend auf den Boden.

Dann ein Knall: Trommelfelle, die von innen zu bersten scheinen. Ketten, die über Jahrtausende geschmiedet wurden, zerschellen. „Nie wieder Gehorsam.“ Der Richter steht auf und rennt davon – Es gibt keine Urteile mehr zu sprechen – dann bleibt er stehen und beginnt zu weinen, über verlorene Lebenszeit. Aus Grau wird Bunt, aus Masse wird Mensch. Farben zieren die alten Bauten. Irgendwer beginnt zu tanzen, zu lachen, zu essen.

„Wir alle sind schuldig, so schuldig, dass wir uns jeden Tag dafür selbst hassen. Doch mit jeder Anklage, der wir uns unterwerfen, wird diese Schuld noch größer bis der Selbsthass jede Kraft zu Veränderung raubt. Der einzige Ausweg ist die Idee der Schuld und die der Unschuld aufzugeben. Dann werden wir durch unseren verbrecherischen Egoismus wieder Menschen statt Richter*innen und Angeklagten begegnen.“ – Ein*e besorgte Egoist*in

Revolutionslust (Gedicht)

Dort wird sie stehen die neue Welt, die wir errichten

Nach sieben Milliarden Bauplänen und Billionen Skizzen

Begrünte Straßen und bewachsene Dächer

Containerschiffe, die um die Welt segeln

Ich will aufbrechen – neue unbetonierte Ufer schaffen

Erst flüstere ich zärtlich, dann spreche laut und deutlich, dann brülle ich:

Ich will

Ich will Revolution!

Meine Augen glänzen

Revolution nicht aus Angst vor den Katastrophen

Nein, Revolution aus der Lust am Leben

 

Euphorische Menschen fluten mit mir die Straßen

Wir reißen das Jetzt in eine andere Gegenwart

Laufen gemeinsam der Zukunft entgegen und nehmen sie in den Arm

Das Unmögliche wagen, um das noch Unmöglichere zu erreichen

Eine Wendung für die andere Seite der Realität

Dort wo Schmerz und Erniedrigung nicht Alltag sind

So umwerfend bin ich, sind wir heute

Revolution ich will dich.

Phönix (Gedicht)

In den Gulags

In den Konzentrationslagern

In den Knästen

Sie wollten uns einäschern

Staatskommunist*innen

Faschist*innen

Demokrat*innen

Jede*r Vernichtete unersetzlich einzigartig

Doch die Idee lebt weiterhin

 

Anarchismus solltet für immer getilgt werden

Nie wieder ein Denken jenseits der Grenzen von Nationen

Aber sie sind gescheitert

 

Zwei-Drittel Jahrhundert ohne Hoffnung

Es ist Zeit zurückzuschlagen gegen den Dualismus von Imperium und Rebellenallianz

Eure Kriege sind so langweilig, so traurig

Wir werden den letzten Jedi töten

Der Phönix erhebt sich

Feurige Flügel künden vom Sturm

Die Zukunft wird schwarz

Heilung (Gedicht)

Überall der Krieg

Wir schreien uns an

Wo ist die Ruhe?

Wo die Stille oder säulsende Musik, die uns an andere Ort bringt?

Es geht immer nur darum wer Recht hat – nie was uns wichtig ist

Oder was uns gut tut…

 

Ich suche Gefährt*innen, die Mut haben aufzubrechen

Raus aus dem Krieg und dem Schmerz

Schmerz gehört zum Leben, aber er darf es nicht bestimmen

Wo seid ihr?

Dort draußen in der Nacht?

Ich habe letztens das Wort Heilung wieder gehört…

Nach so langer Zeit…

Es lässt mich wünschen über die Großartigkeit der Menschen zu reden

Über die Schönheit unserer Welt

Der Schmerz ist gerade zurückdrängbar

Mit Tanzen nicht mit Kämpfen

Trippel, Trippelschritt

Ich erahne den Sommer wieder im Winter

Einsame Tage sind in meinem Herzen nur noch Wochen keine Monate mehr

Ich atme manchmal tief und lache stark

Der Ozean, der ich bin, verliert die Angst vor seiner eigenen Kraft

Heilung ich habe Hoffnung auf dich

In der Ferne ein friedliches grünes Tal mit einem Fluss.